Warum ich durch mehr Aufwand weniger lernen werde
Wie der aufmerksame Leser oder auch der Leser meiner persönlichen Webseite wissen wird studiere ich Informatik mit dem Diplom-Nebenfach Medienwissenschaft an der Humboldt-Universität zu Berlin.
In der Form von Filesharingdebatten, Pirateriefragen und bisweilen seltsamen Forderungen der Contentmafia Contentindustrie begegnet einem das Urheberrecht ständig. Die Wikipedia hat einen guten Artikel darüber, ich habe Hausarbeiten im Kontext des Urheberrechtsgesetz geschrieben oder mich in diesem Blog virtuell mockiert.
Als hindernis im täglichen Leben und insbesondere beim Studieren begegnet man dem Urheberrecht nur selten. So selten, dass sich so mancher fragt, wieso man sich darüber so echauffieren kann. Auch ich frage mich das manches mal (einige mögen es nicht glauben ;-)). Heute allerdings kam es anders.
Ich besuche zur Zeit eine Medienökonomie Vorlesung im Rahmen meines Nebenfaches. Eine recht spannende Vorlesung, auch wenn sich der Stil der geisteswissenschaftlichen Veranstaltungen von dem der naturwissenschaftlichen doch stark unterscheidet. Auch ist die "Medienkompetenz" dort eine andere als bei den Informatikern, aber das ist einen anderen Artikel wert.
Der Dozent der Medienökonomie Vorlesung verwendet einen Beamer und PowerPoint Folien, was – erstaunlicherweise – nicht die Regel ist; darauf zum Großteil Zahlen und Statistiken unterschiedlicher Quellen – wenig verwunderlich, es handelt sich ja schließlich um eine ökonomisch geartete Vorlesung.
Nach der Vorlesung heute morgen fragte ich also nach, ob es möglich wäre die Folien online zu beziehen, in der Informatik eine Selbstverständlichkeit, und bekam – völlig unerwartet – ein "Nein!" als Antwort. Das kuriose daran, abgesehen von der Tatsache, dass der Dozent seinen Studenten diese Lernhilfe bisher vorenthalten hatte, war die Begründung mit der er die Veröffentlichung ablehnte. Auf meine Nachfrage, warum das nicht möglich sei antwortete er, in entrüstet klingendem Ton, dass dies aus Gründen des Urheberrechts nicht möglich wäre. Meinen Einwand, dass dies, auch nach unserem Urheberrecht und zumindest im Moment, wischte er weg indem er auf einen (mit unbekannten) Kollegen verwies, der wegen seiner Folien mehrere Zehntausend Euro an Strafe zahlen musste.
Etwas ungläubig verließ ich den Saal und dachte auf dem Weg nach Adlershof darüber nach wie ich damit umgehen sollte.
Die von ihm vorgeschlagen Lösung "Sie können es ja mitschreiben!" kommt als Lösung nicht wirklich in Frage.
Nicht nur ist es schwer den Ausführungen des Dozenten zu folgen, während man wie wild Zahlen und Quellen niederschreibt, sondern es widerstrebt mir auch Dinge die einmal niedergeschrieben wurden noch einmal, eventuell mit Fehlern, niederzuschreiben – ungefähr ein halbes Jahrtausend nach der Erfindung des Buchdrucks und über ein halbes Jahrhundert nach Erfindung des Kopierers. Es ist unnötig, fehlerbehaftet und mindert die Aufmerksamkeit. Kurz einfach sinnlos.
Das ist die Art von Problemen die wir, als Gesellschaft mit dem Urheberrecht, einhandeln. In allen Bereichen wird immer mehr Produktivität und Flexibilität gefordert, aber gerade in unserem "Standortvorteil Bildung" handeln wir uns mit dem "reformierten" Urheberrecht ein Problem ein.
Als Anmerkung ist hinzuzufügen, dass es – zumindest bis 31.12.2006, erlaubt ist urheberrechtlich geschütztes Material einer geschlossenen Benutzergruppe, im Rahmen von Forschung und Lehre, zur Verfügung zu stellen und von diesem Recht wird, zumindest am Institut für Informatik der Humboldt Universität zu Berlin, reger Gebrauch gemacht. Eine Vorlesung wird sogar komplett als Podcast zur Verfügung gestellt (Audio, Video und Folien)!
Wer eine Vorstellung davon braucht was in Forschung und Lehre nach 2006 los sein wird dem seien, exemplarisch für eine suche, eine Pressemitteilung der TU-München und der Universität Bielefeld empfohlen.
Ich, für mich persönlich, spiele mit dem Gedanken die Folien einfach mit der Digitalkamera zu fotografieren. Kopien - und nichts anderes ist ein Foto, zumindest solange darauf keine Personen zu sehen sind - zum privaten Gebrauch sind ja nicht verboten. Diese könnte ich dann, bis 31.12. und im Rahmen einer geschlossenen Benutzergruppe, meinen Kommilitonen zur Verfügung stellen.
Den Professor über seine Rechte zu belehren aufzuklären ist auch eine Möglichkeit, aber eine unangenehme. Professoren werden nicht gerne belehrt. Medienökonomen in Medienrecht wohl erst recht nicht.
Posted in Daily annoyances, Everyday World | 5 comments |
over 2 years later:
Hm... Prof ist zu faul die Folien online zu stellen oder aber er kanns nicht. An deiner Stelle würde ich trotzdem zu ihm gehen und ihn über sein Recht aufklären, mußt ihn ja nicht gleich "belehren"... So long, ich bin jetzt erst mal 10 Tage in Ungarn, cu @ Christmas? Grüße, Tobi
over 2 years later:
Ich wuerd eher die Folien fotographieren als ihn belehren. Die Frage ist allerdings, ob das ueberhaupt noetig ist. In der Regel hat er die Fakten aus einem Buch oder aus dem Netz. Zur Pruefungsvorbereitung helfen diese Quellen sicher mehr als die Folien. Er gibt doch sicher seine Quellen an..?
over 2 years later:
Ja, er gibt Quellen an. Aber darum geht es nicht. Auch das "belehren" war mehr ein freundlicher Hinweis.
Ein Problem ist auch das Seine Quellen so illustere Dinge sind wie Publikationen des Börsenvereins des dt. Buchhandels (e.V.), deren Geschäftszahlen nur gegen Geld zu beziehen sind (damit niemand merkt was für ein Irrsinn die Buchpreisbindung ist...) und dies in den stets aktuellsten Auflagen.
Als eigentliches Problem empfinde ich die Grundeinstellung mit der er auf seine Studenten zugeht.
Heute morgen bin ich wutentbrannt und genervt aus der VL gestürmt; er hat den Studenten ständig Fragen gestellt – aber keine bei denen er Antworten erwartet. Aus der Art und dem Tonfall der Frage, aber auch aus Sprüchen wie "Und Sie wollen Medienwissenschaftler sein!" wenn die Antwort nicht sofort kommt, erkennt man einfach eine Grundhaltung die, meiner Ansicht nach, sagt: "Diese Studenten wissen eh nix und gehen mir nur auf die Nerven!"
Ich rege mich halt darüber auf, wenn der Professor faule Ausreden findet um den Studenten ja nicht beim lernen helfen zu müssen...
@46halbe: das macht ja sogar ein Prof. Freytag anders...
over 2 years later:
"Als Anmerkung ist hinzuzufügen, dass es – zumindest bis 31.12.2006" ... dieses Datum ist vor 2 Wochen mit 31.12.2008 ersetzt worden! Unsere Gnadenfrist für die Tatsachenschaffung.
over 2 years later:
Das stimmt.
Diese "Übergangslösung" ist bis zum 31.12.08 verlängert worden.